Anstelle einer Rezension von Riccardino lesen Sie an dieser Stelle eine Würdigung. Er ist der Oldie seiner Zunft. Der Autor wurde 1925 in Porto Empedocle geboren und war in seiner Heimat bis etwa 1978 nur als Drehbuchautor und Regisseur bekannt. Er lebte mit seiner Frau in Rom, im Stadtteil Trastevere. Wer schon mal dort war, wird Camilleri verstehen.
28 Krimis um Commissario Salvo Montalbano hat er insgesamt geschrieben, über zwanzig historische Romane und etliche Kurzgeschichten. Der erste Montalbano mit dem Titel Die Form des Wassers erschien am 01.01.1999, der letzte Band, mit dem ungewöhnlich kurzen Titel Riccardino, am 27. Juni 2025.
Der wahre Montalbano-Kenner wird jetzt den Kopf schütteln.
Warum?
Außer den 28 Fällen, die der Commissario Jahr für Jahr zu lösen hatte, erschienen noch vier sogenannte Erzählbände. Der Wichtigste ist nach meiner Einschätzung der vierte: Der falsche Liebreiz der Versuchung. Hier, und nicht im ersten Band Die Form des Wassers, beginnt die Geschichte des Commissario. Auch Livia, seine in Boccadasse lebende Freundin, gehört noch nicht zur Handlung. Nein, seine erste Freundin hieß Mery und stammte aus Catania. Livia lernte Salvo erst im ersten Band kennen.
Egal, was er schrieb, Camilleris Sprache ist prall, unmissverständlich und maßlos direkt. Was bei anderen schlüpfrig oder anzüglich klingen würde, das hat bei diesem Autor Stil und Klasse. Wo andere ausweichen, kommt er zur Sache. Schnell und direkt. Endlich lernte ich den Unterschied zwischen Sizilien und dem Rest Italiens kennen, bekam Verständnis für Verhaltensmuster in süditalienischen Köpfen und begriff die Wichtigkeit einer Mahlzeit. Ob allein oder mit Freunden.
Die Region und ihre Menschen stehen bei Camilleri stets an erster Stelle. Äußerst liebevoll beschrieben und scharf gezeichnet. Und jeder Figur widmete er die gleiche Aufmerksamkeit.
Das sind Regionalkrimis im wahrsten Sinne des Wortes.
Zwei Leidenschaften besitzt Commissario Montalbano, von seinen Freunden Salvo genannt, in besonders ausgeprägter Form: Essen und Ermitteln. In beiden Dingen versteht er keinen Spaß. Die tägliche Mahlzeit in seinem Lieblingslokal ist ein Ritual, das er ungestört genießen möchte. Auch Ermitteln möchte er am liebsten allein. Sehr zum Ärger und Verdruss seiner wirklich sympathischen Kollegen im Kommissariat von Vigàta. Seiner Verlobten Livia geht es nicht besser. Zu ihrem Leidwesen und seinem Wohlbefinden (nein, er ist ihr treu) pflegen sie eine Fernbeziehung mit nicht zu häufigen Treffen.
So stur Montalbano in der Verfolgung seiner Ziele ist und dabei auch enge Freunde durch Schroffheit vorübergehend verprellt, so feinfühlig wird er beim Lesen von Belletristik. Manchen, die sein ungehobeltes Verhalten mit fehlender Bildung verwechseln, erschlägt Montalbano mit Worten, wobei er das Florett führt – nicht das Schwert.
Camilleri gab sich große Mühe, die Verhaltensweisen der Sizilianer und ihren Umgang miteinander zu beschreiben. Das ist auch notwendig, da die von Montalbano aufgeklärten Verbrechen häufig so skurril und zumindest für den deutschen Leser so ungewöhnlich sind, dass er zunächst einmal lernen muss, die Menschen, also die Akteure, zu verstehen. Mich beschlich manchmal das Gefühl: Solche Morde gibt es bei uns in Deutschland gar nicht.
Mehr als 40 Bücher von Andrea Camilleri stehen in meinem Regal. Ich greife nach irgendeinem und beginne zu lesen und entdecke stets neue Details.
Seine Website www.andreacamilleri.net gibt es leider nur in italienischer Sprache. Glücklich, wer des Italienischen mächtig ist.
Wer mehr über Commissario Montalbano und das von Andrea Camilleri beschriebene Sizilien erfahren möchte, dem empfehle ich bei Wikipedia Andrea Camilleri einzugeben. Hier steht wirklich Wissenswertes, was das Verstehen und Eintauchen in die Geschichten erleichtert.
Wem die Krimis gefallen, sollte sich unbedingt auch die deutschen Verfilmungen anschauen. Mehr über die Drehorte erfahren Sie gleichfalls bei Wikipedia. Mir gefallen die Montalbano-Filme sehr gut. Sie wirken außerordentlich realistisch und zum Glück nicht verfälscht.
Ich wollte eigentlich jegliche Bewertung vermeiden. Aber an dieser Stelle komme ich nicht umhin zuzugeben: Ich bin ein großer Bewunderer von Andrea Camilleri und seinem Commissario.
Der Vollständigkeit halber muss ich spätestens an dieser Stelle ein paar Worte zu Riccardino, dem letzten Band von Andreas Camilleri, verlieren. Ja, es ist eine Kriminalgeschichte. Aber sie unterscheidet sich bemerkenswert von den vorangegangenen Bänden. Riccardino ist eine literarische Meisterleistung. Ein Kabinettstückchen des Autors. Auf den Inhalt einzugehen erübrigt sich. Hierzu gibt es genügend Hinweise im Einband und in den Ankündigungen des Verlages. Wie sich der Autor in seinem letzten Band von seinem Helden verabschiedet, ist ungewöhnlich und gleichzeitig bemerkenswert. Das kann man nicht erzählen – das muss man selbst gelesen haben.
